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Die Macht der Patienten – vor 300 Jahren
 
Patientenmacht ist nichts Neues – im Gegenteil. Vor 300 Jahren waren ihr die Ärzte ausgeliefert. Auch Albrecht von Haller litt darunter.

Dr. med. Dr. phil. Hubert Steinke, Oberassistent, Institut für Medizingeschichte Uni Bern
Hubert Steinke
 

Am 4. September 1731 notierte der 23jährige Berner Arzt Albrecht Haller frustiert in sein Praxisjournal: "Schon lange geschieht nichts mehr auf meine Veranlassung hin."

 

Seine Patientin, die 35jährige Jungfer Marianne Weiss, befolgte seine Therapievorschläge nicht; sie schien eher auf den Rat anderer Ärzte und – schlimmer noch – auf ungebildete Kräuterweiber oder Verwandte zu hören.

 

Das Problem war offensichtlich: im 18. Jahrhundert herrschte eine Zweiklassenmedizin. Der Reiche bezahlte den Arzt privat und wurde zu Hause behandelt, der Arme konnte sich auf Staatskosten im Inselspital durch die Stadtärzte versorgen lassen – aber nur, wenn er seine Armut nachweisen konnte (d.h. auch keine reichen Verwandten hatte) und die Krankheit ernst, aber von kurzer Dauer und heilbar war.

 

Da sich fast alle Ärzte in der Stadt und nicht auf dem Land aufhielten, kam es zu einer Konkurrenz bei der Behandlung der reichen Patienten, die vielfach mehrere Ärzte beizogen. Zudem unterschied sich die akademische Medizin in ihren Therapiemöglichkeiten (Heilkräuter, Aderlass, Klistier) nur unwesentlich von denjenigen der nicht-ärztlichen Anbieter. Die Patienten bedienten sich also auf dem ganzen medizinischen Markt. Die Ärzte mussten sich ihren Launen anpassen, wenn sie am Ball bleiben wollten.

 

Haller bedauerte, dass die Macht der Patienten und die Konkurrenz der Ärzte zu einer Polypharmazie und zu sich dauernd verändernden Therapieschemata führte, durch die sich keine konsistenten Aussagen über die Wirkung der Heilmittel gewinnen liessen. Ganz der experimentelle Wissenschaftler, verlangte er die Prüfung von Heilmitteln einerseits in Tierexperimenten und andererseits in kontrollierten Doppelstudien im Spital, wo sich die Patienten den Verordnungen fügen mussten. Umgesetzt wurden diese Forderungen erst viel später, war doch die damalige medizinische Forschung noch kaum institutionalisiert und wurde vorwiegend aus privater Initiative betrieben.

 

Haller wollte nicht nur eine evidence-based medicine begründen, er wollte überhaupt alles Mögliche durch Experiment und Beobachtung bestimmen. Er beschrieb die Blutgefässe mit all ihren Varianten in unerreichter Präzision und machte dabei auf die Variabilität der Natur aufmerksam, er beobachtete die embryologische Entwicklung des Hühnchens so genau wie niemand zuvor, er führte als Erster im grossen Stil und durch klare Fragestellungen geleitete Tierversuche durch und stellte damit die Physiologie auf eine experimentelle Grundlage. Dies alles – und vieles mehr – machte ihn zum bedeutendsten medizinischen Forscher des 18. Jahrhunderts (er war übrigens auch Dichter, Botaniker, Magistrat, Oekonom, Philosoph und so weiter). Das ist Geschichte.

 

Weniger Geschichte ist die Frage, was uns dies heute noch zu sagen hat: Einiges, kann man antworten. Zwar mag uns das 18. Jahrhundert fern erscheinen, als das Jahrhundert der Perücken und Kutschen, Klistiere und Scharlatane. Es ist aber genauso das Jahrhundert, in dem man nach Antworten auf viele Fragen suchte, die uns heute noch beschäftigen. Und diese Antworten sind anregend. So mahnte etwa Haller trotz seinen eigenen grossen Anstrengungen und trotz der herrschenden Fortschrittseuphorie seiner Zeit, bescheiden zu bleiben und langsam, Schritt für Schritt vorwärts zu gehen.

 

Dieses Jahr feiern wir Hallers 300. Geburtstag. Ausstellungen, Führungen, ein Theaterstück, Publikationen und andere Ereignisse bieten uns Gelegenheit, uns mit Haller und seiner Zeit auseinanderzusetzen.

 

 

Dr. med. Dr. phil. Hubert Steinke, Oberassistent, Institut für Medizingeschichte, Universität Bern.

 

 

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