Ist der Kommerz der Tod des Hippokrates?
„Liaisions compliquées“ zwischen Arzt, Anwalt, Patient und Justiz. Ein in medico-legalen Fragen sehr erfahrener Jurist schreibt in den nächsten drei Folgen zu einigen prototypischen Aspekten davon. Schreiben Sie die vierte?
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RP Steinegger |
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Facts and Figures
- in Basel-Stadt betreut 1 Arzt durchschnittlich 266 Patienten (ein gutes Marktpotenzial wären 800 – 900 Einwohner pro Arzt);
- der Basler Arzt muss jeden seiner 266 Patienten(bei 230 Arbeitstagen und 20 Konsultationen am Tag) 17 mal im Jahr sehen, um nicht in die roten Zahlen zu fahren (was schweizweit leider 2'500 Arztpraxen tun);
- die Psychiatrie hat seit 1945 ihre Diagnosen von 26 auf 395 hochgefahren. Die Erfindung neuer „Krankheiten“ beschränkt sich im übrigen, wie man weiss, nicht auf die Psychiatrie: Chronic Fatigue Syndrome,
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Multiple Chemical Sensitivity Syndrome, Sick Building Syndrome, Käfig/Tiger-Syndrom, Restless Legs Syndrome, Silicon Breast Disease, Repetitive Strain Injury, Gulf War Syndrome, Reizdarm, Burnout, sexuelle Dysfunktion, soziale Phobie, unbeleg-bare chronische Folgen von Borreliose und anderen Infekten etc. etc.
Und jetzt?
- Basel-Stadt zeigt die zweithöchste Rate der Schweiz an Herzballonbehandlungen (Obwalden die tiefste Rate), interessanterweise aber unterdurchschnittliche Raten von Gebärmutter- und Mandelentfernungen.
- die IV-Rate in Basel ist die höchste der Schweiz (Basel-Stadt verzeichnet auch die höchste Sozialhilfequote, die höchste Rate von Militäruntauglichen, von …).
Einwand: Ich glaube nur an die Statistiken, die ich selber gefälscht habe? Viel-leicht doch nicht ganz.
Weg von Basel, Blick auf die ganze Schweiz, im besonderen auf die Deutschschweiz:
Wir Schweizer bezahlen für sog. „Schleudertrauma“-Opfer europaweit am meisten: pro Fall das 23-Fache von Finnland (tiefster Wert) und rund das 2–Fache der Niederlande (zweithöchster Wert). Pathologisch/anatomisch können allenfalls hypothetische „Mikroläsionen“ im Bereich der Halswirbelsäule (Grade 0 – 2; Verstauchung/Zerrung; strain and sprain) diskutiert werden. Mit dem vorausgesetzten Beweisgrad der überwiegenden Wahrscheinlichkeit sind auch diese „Mikroläsionen“ nicht nachgewiesen. Wie kommt es, dass solche „Verletzungen“, die regelmässig in kurzer Zeit abzuheilen pflegen, immer mehr zu ärztlich attestierten Dauerinvaliditäten führen und dass wir bereit sind, für „nicht objektivierbare Gesundheitsbeeinträchtigungen“, bestenfalls für Verstauchungen und Zerrungen, Milliarden von Franken aufzuwenden (der „Schleudertrauma“-Markt wird in der Schweiz auf 1–2 Milliarden Franken/Jahr geschätzt), und erst noch 23 mal mehr als in Finnland? Das „Schleudertrauma“ ist nur ein Beispiel, das sich unter die zunehmend neuen Krankheitsbilder unklarer Kausalität einordnen lässt. Erwin Murer, Sozialversicherungsrechtler an der Uni Freiburg: „Die enorme Zunahme der Berentungen (in der Invaliden- und obligatorischen Unfallversicherung sowie in der Beruflichen Vorsorge in den letzten rund zwanzig Jahren) gehen zum grössten Teil auf das Konto von nicht oder kaum objektivierbaren, in Bezug auf ihre Auswirkungen auf die Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit nicht oder nur schwer einschätzbaren, „versteckten“ Gesundheitsbeeinträchtigungen, deren Diagnose hauptsächlich auf den Angaben der betroffenen Versicherten selbst beruhen“. Weiter Murer: „So ist die Krise der Invalidenversicherung mit einer Steigerung des Aufwandes für Renten um nicht weniger als 276 % innerhalb von fünfzehn Jahren hauptsächlich auf solche schwer fassbare ge-sundheitliche Probleme zurückzuführen“.
Fragen des tumben Juristen:
- Gibt es eine magische Grenze der Ärztedichte, bei welcher die Macht des Faktischen den armen Hippokrates erschlägt (Horrorszenario: Hilfe, mein Patient wird gesund)?
- Ab welcher Ärztedichte riskiert der Patient, dass der Gang zum Arzt zu einem möglichen Hochrisikobesuch wird: Gebärmutter weg, Mandeln weg etc. etc, Invalidität aus psychischen Gründen (Invalidität bedeutet soziale Ausgliederung)?
- Sind die zunehmend neuen Krankheitsbilder unklarer Kausalität, die „nützlichen Krankheiten“, ein willkommener „Neuer Markt“ für Dr. med. Oeconomicus?
- Erlauben diese Krankheiten Dr. med. Feelgood, basierend auf den anamnestischen Angaben des Patienten, sein Gutmenschentum auszuleben und jede Verdachtsdiagnose zur letzten Gewissheit zu werden?
Zweifeln Sie daran, ob es die Dres. Oeconomicus und Feelgood überhaupt gibt? Wohnen die beiden oder gar mehrere in einer Brust (Dr. med. Oecogood-Guru)? Sind es Facetten einer Persönlichkeit? Ich sage ja.
Die nächste Folge befasst sich mit der weiteren Frage, ob diese facettenreiche Persönlichkeit Alleintäter ist ...
Mediscope
02.05.2007 - dde