Berner sprechen langsamer als Walliser (?)
Nach einer etwas wackeligen Theorie ist der Neandertaler wegen Jodmangels ausgestorben und nach einer eher humoristischen hat das verlangsamte Sprechen der Berner denselben Grund. Der Jodmangel ist behoben, die Sprache geblieben. Unbekannt ist hingegen, dass es sich beim langsamen Sprechen der Berner nicht mehr bloss um ein Klischee handelt. Eine Studie der Uni Bern gibt Aufschluss.
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Beat Siebenhaar -
Forschungsteam |
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Angenommen, ein Berner und ein Walliser Arzt behandeln an einem Tag unter den genau gleichen Voraussetzungen dieselbe Anzahl Patienten, auch Gespräche werden gleich viele geführt. Am Abend wollen sich die beiden Arbeitskollegen auf halbem Weg zwischen Inselspital Bern und Spital Brig zum Abendessen treffen.
Für den Briger Arzt beginnt der Feierabend allerdings geraume Zeit früher, so dass er dem Berner noch ein gutes Stück entgegenfahren kann. Ein Scherz? Nein, keinesfalls, wenn man von einer jeweils recht homogenen Klientel mit dementsprechend homogenem Sprechtempo ausgeht. Denn während die Berner Sprecher gerade fünf Silben pro Sekunde schaffen, sprechen die Walliser in derselben Zeit deren sechs. Mitunter ein Grund dafür: „Der Berndeutsch-Sprecher dehnt die Laute am Wort- und Satzende mehr als der Sprecher des Walliserdeutsch“, so der Sprachwissenschafter Beat Siebenhaar.
Berechnet man dieses Resultat für eine längere Dauer, so ist die Silbendifferenz zwischen den beiden Dialekten beträchtlich: 900 Silben sprechen die Walliser pro Viertelstunde mehr, 3600 in der Stunde. Rechnet man die Zahlen auf den Arbeitsalltag eines Arztes hoch, so stellt man sich schon bald die Frage, wieso der Briger nach Feierabend nicht gleich die ganze Strecke nach Bern gefahren ist.
Die sprachwissenschaftlichen Erkenntnisse sind Resultat einer Studie, die seit eineinhalb Jahren im Rahmen des Nationalfondsprojekts „Quantitative Ansätze zu einer Sprachgeographie der schweizerdeutschen Prosodie“ durchgeführt wird. Je zwischen 20 und 30 Interviews wurden in Bern und Brig durchgeführt, transkribiert und in ihre einzelnen Laute segmentiert. Ziel des Projekts ist ein Einblick in die Grundzüge der Deutschschweizer Prosodie im Raum – ein einzigartiges Unternehmen, denn während die meisten innersprachlichen Ebenen der schweizerdeutschen Mundarten gut bis sehr gut untersucht sind, fehlten Beschreibungen von Sprachrhythmus und Sprachmelodie bis jetzt gänzlich.
Gearbeitet wird mit einem eigens für das Forschungsprojekt entwickelten Computerprogramm, seit November 2005 umfasst die Datenbank heute rund 60'000 Laute – mit einer Dauer zwischen hastigen 15 und gemütlichen 250 Millisekunden pro Laut.
Doch zurück zu den beiden Ärzten: Im Restaurant kaum ins Gespräch vertieft, hat der Berner das Gefühl, dass der Walliser Berufskollege singe. Hat dieser noch vor dem Essen ein Glas über den Durst getrunken? Selbstverständlich nicht. Vielmehr handelt es sich bei diesem „Singen“ um einen weiteren Untersuchungsaspekt der Studie: Die Sprachmelodie. „Die Variation der Sprachmelodie ist ausgeprägter bei den Wallisern als bei den Bernern“, erklärt Dissertand Adrian Leemann. „Das heisst sie gehen höher rauf und tiefer runter in ihrer Grundfrequenz. Zudem realisieren die Walliser mehr Wortakzente pro Minute, was wiederum den Eindruck des Singens verstärkt – dies ist jedoch auf das schnellere Sprechertempo zurückzuführen.“
Für den schweizweiten Vergleich der Sprachgeographie fehlen noch die Analysen aus Chur und Zürich – ob die Ärztin des Universitätsspitals Zürich für den Walliser Kollegen zu einer Singkonkurrenz wird, bleibt an dieser Stelle noch offen. – Und vielleicht hat der Berner ja noch Chancen, früher Feierabend zu haben als einer seiner Kollegen – zum Beispiel als derjenige aus Chur.
Für das Forschungsteam:
Franziska Leuenberger, Institut für Sprachwissenschaft, Universität Bern
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17.09.2007 - dzu